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49ers Germany

Official 49ers Fan Chapter, part of Niner Empire.

Beyond the Horizon – Episode 14: Adrian Franke

22 min read

Herzlich Willkommen zur 14. Ausgabe von „Beyond the Horizon“. Normalerweise tauschen wir uns in dieser Reihe mit anderen Fanvereinigungen über ihre Franchises aus, aber nicht diesmal. Heute freuen wir uns sehr, dass wir mit Adrian Franke die deutsche Antwort auf Daniel Jeremiah zu Gast haben. Adrian schreibt für spox.com messerscharf analysierte Berichte rund um die NFL, betreibt gemeinsam mit Christoph Kröger den wohl besten deutschsprachigen Football Podcast „Down, Set, Talk“ und seziert dort das Geschehen in der NFL humorvoll und trotzdem analytisch. Außerdem ist Adrian auch ein erfolgreicher Buchautor, sein Erstlingswerk „American Football: Alles was man wissen muss“ ist im letzten Jahr vor Weihnachten bereits in zweiter Auflage erschienen. Auch als Kommentator bzw. Experte ist Adrian im Einsatz und verzückt die Zuschauer bei DAZN. Wir sprechen heute mit dem deutschen Football Experten über die NFC West, die 49ers, ein bisschen über Adrians Lieblingsteam die Arizona Cardinals, Einflüsse des College Footballs und zukünftige Projekte!

49ers Germany: Hallo Adrian! Vielen Dank, dass Du dich für ein Interview mit uns zur Verfügung gestellt hast. Für alle, die vielleicht Dich oder den Podcast Down-Set-Talk nicht kennen (gibt es solche Footballs Fans noch?), wäre es schön, wenn Du dich einmal vorstellst und uns Deinen Werdegang im journalistischen Footballbereich einmal erläuterst.

Adrian Franke: Vielen Dank für die Einladung! Klar, sehr gerne: Ich arbeite und schreibe im Sportjournalismus seit inzwischen mehr als zehn Jahren, meine ersten Berührungspunkte mit SPOX hatte ich im Rahmen eines Praktikums - das müsste 2010 gewesen sein. Anschließend kehrte ich für das weitere Studium in die Heimat zurück, arbeitete aber als Freier Mitarbeiter weiter für SPOX und aus dem ursprünglichen Fußball-Fokus wurde nach und nach ein sehr breites Feld (Basketball, Handball, Tennis, Eishockey, etc.) - und schließlich wurde die NFL immer präsenter. Zunächst im Rahmen einzelner Berichte, und je größer die Coverage bei uns auf der Seite wurde, desto mehr bestimmte die NFL meinen Arbeitsalltag. 2015 habe ich dann mein Volontariat bereits komplett unter dem NFL-Mantel angefangen, seit 2016 leite ich den NFL-Bereich auf SPOX und seit vergangener Saison kommentiere ich die NFL auch auf DAZN. Den Podcast haben Christoph und ich letztes Jahr im April gestartet und hatten ehrlich gesagt nie gedacht, dass das so schnell so einschlagen würde - was uns natürlich unheimlich freut!

49ers Germayny: Den Podcast „Down-Set-Talk“ betreibst Du gemeinsam mit Christoph Krüger jetzt seit mehr als einem Jahr und durch Eure humorvolle, unterhaltsame und trotzdem analytische Art habt Ihr schon eine sehr große Fangemeinde gefunden. Der Donnerstag wird vielfach bei Twitter schon nur noch als „Down-Set-Talk-Tag“ bezeichnet. Die Vorfreude auf die neuen Ausgaben sind groß und die Reaktionen der Community riesig. Wie seid Ihr beiden darauf gekommen einen Podcast aufzunehmen? Woher kennt Ihr euch? Bis auf eine Ausgabe habt ihr die Podcasts bisher immer an getrennten Orten aufgenommen.

Adrian Franke: Vielen Dank! Ja, die Community, die um den Podcast entstanden ist, macht uns auch viel Spaß. Nicht nur, weil ein reger Austausch stattfindet und Fans aller Teams mit an Bord sind, sondern weil auch mit Respekt und Höflichkeit diskutiert wird - leider keine Selbstverständlichkeit im Internet. Unsere "Gründungsgeschichte" geht ganz klar auf Christoph zurück: Er hat mich letztes Jahr via Twitter angeschrieben mit der Idee, einen Football-Podcast zu starten. Er kannte meine Arbeit und Artikel, und neben seiner eigenen Begeisterung für Football brachte er natürlich auch die Moderatoren- und Ton-Fähigkeiten mit, die ich nicht habe. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon länger überlegt, einen Podcast selbst zu machen, nachdem ich bis dahin immer "nur" als Gast anderswo war. Christoph und ich haben schnell gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge sind und uns gleichzeitig gut ergänzen, und so kam dann relativ schnell eines zum anderen.

49ers Germany: Habt Ihr mit diesem Erfolg gerechnet und wie sieht die Zukunft aus? Alles Fans wünschen sich immer Content, mehr Folgen, dabei kommt ihr nicht selten an die zwei Stunden Marke heran. Auch über Patreon folgen Euch viele Hörer und „spenden“ auch unterschiedliche Geldbeträge. Kannst Du dieses Konzept einmal erläutern? 

Adrian Franke: Patreon ist ein super Konzept, das in Deutschland - so zumindest mein Eindruck - noch ein wenig in den Kinderschuhen steckt; ich kannte es aus den USA, wo viele freie Journalisten darüber Artikel veröffentlichen oder die Möglichkeit eröffnen, ihre Projekte zu unterstützen. Und im Prinzip ist es genau das: Eine Plattform, mit der man Projekte unterstützen kann. Das geht bei uns schon ab $1 im Monat, unsere wöchentliche Folge ist aber natürlich für jeden frei zugänglich, und das soll auch so bleiben. Wer uns unterstützt, bekommt gelegentlich eine Bonusfolge sowie von uns einen Zugang zu unserem Discord-Kanal, wo man sich mit uns und mit allen "Down, Set, Talk!"-Supportern austauschen kann, dort gibt es inzwischen mehrere Fantasy-Football-Ligen und Leute finden sich dort, um eigene Projekte zu starten - was uns natürlich wahnsinnig freut.

Wir hatten mit diesem Erfolg auf keinen Fall gerechnet - weder was Patreon, noch was die Community und die Hörerzahlen angeht. Aber umso motivierender ist es natürlich, wenn man sieht, dass das eigene Projekt gut ankommt und die Leute es sogar unterstützen wollen!

Was die Zukunft angeht: Wir haben 100 Ideen im Kopf, so viel kann ich sagen (lacht) - das Problem ist natürlich wie so häufig die zeitliche Umsetzung. Eine Folge aktuell bedeutet für jeden von uns in der Summe rund 6 Stunden Arbeit, wenn man die Vorbereitung, das Aufzeichnen, das Basteln von Grafiken, das Schneiden, das Anlegen von Artikeln und alles drum herum zusammenrechnet; und ohne Frage macht es uns nach wie vor wahnsinnig viel Spaß, gleichzeitig ist es neben einer vollen Arbeitswoche und, in meinem Fall, einem Kind natürlich auch eine Zeitfrage, wenn wir davon sprechen, was man noch mehr machen kann. In einem idealen Szenario würden wir beide, da kann ich glaube ich auch für Christoph sprechen, gerne 10-15 Stunden die Woche nur in den Podcast stecken und zwei Folgen die Woche als fixe Basis haben. Mal schauen, ob es dazu kommt.

49ers Germany: Du bist nicht nur bei spox.com mit Artikeln, Analysen und Spielberichten rund um die NFL unterwegs. Auch bei DAZN bist Du als Kommentator und Experte im Einsatz. Welches Medium fasziniert Dich mehr? Klassischer Journalismus via Texten oder TV (Streaming)? Oder gar Podcasts?

Adrian Franke: Schreiben ist immer noch meine Kernkompetenz, und Stand heute würde ich sagen, dass das auch immer so bleiben wird. Ich glaube, das ist meine beste Job-Qualität und natürlich auch der Bereich, in dem ich mit weitem Abstand die meiste Erfahrung habe. Aber wenn wir davon sprechen, was mich am meisten fasziniert - das ist das Kommentieren von Spielen. Weil man in Sekundenbruchteilen auf das Gesehene reagieren muss, weil es um Emotionen geht, weil man für diese drei Stunden schon auch unter Strom steht. Das Vorbereiten eines Spiels und dann zu sehen, dass die Konzepte, die man im Vorfeld herausgearbeitet hat, auch angewendet werden - keine Frage, das ist ein cooles Gefühl. Podcasts machen mir einfach unheimlich viel Spaß, wenn ich mir eine "Wunsch-Woche" zurechtlegen dürfte, dann wäre es ungefähr in die Richtung: 40 Prozent Schreiben, 30 Prozent Podcasts, 30 Prozent Kommentieren.

49ers Germany: In der Einleitung haben wir bereits Dein erfolgreiches Erstlingswerk „American Football: Alles was man wissen muss“ erwähnt. Was sagst Du selber über das Buch, dass es Ende letzten Jahres in einer erweiterten zweiten Auflage? Gibt es zukünftige Projekte als Autor?               

Adrian Franke: Mein erstes Buch hatte ich mit dem Gedanken geschrieben, dass es im deutschsprachigen Raum kein Werk für Football-Einsteiger gibt - gleichzeitig aber wollte ich nicht einfach ein Buch nur für Football-Neulinge schreiben, sondern es so verfassen, dass auch diejenigen, die vielleicht schon seit einigen Jahren Football schauen, im Idealfall noch etwas Neues lernen können. Deshalb ist es so strukturiert, dass zu Beginn möglichst übersichtlich und möglichst schnell ein gemeinsamer Wissensstand aufgebaut wird, und es dann auch in die Tiefe geht. Was beispielsweise die einst von den 49ers geprägte West Coast Offense ausmacht, wie der Zone Blitz entstanden ist, welche Hintergründe die Offense der Patriots hat, und so weiter.

Was den zweiten Teil der Frage angeht: Ja, tatsächlich arbeite ich gerade an meinem nächsten Buch-Projekt. Es wird einen eher erzählerischen Schwerpunkt haben, die größten und prägendsten Spieler aller Zeiten sollen beleuchtet und deren Geschichte erzählt werden. Natürlich auch mit dem ein oder anderen ehemaligen 49ers-Star!

Wechseln wir zur NFL. Du bist bekennender Fan der Arizona Cardinals, gehst mit dem Team trotzdem in Artikeln hart und fair ins Gericht. Beschreibe uns doch bitte einmal als Fan und Journalist die Entwicklung der Cardinals seit dem Abgang von Bruce Arians. 

Adrian Franke: Um es ganz direkt zu sagen: 2018 war ein komplett verlorenes Jahr. Steve Wilks als neuen Head Coach zu verpflichten war unter dem Strich eine Fehleinschätzung, zusätzlich wurde nach nur einem Jahr Josh Rosen aufgegeben, für den man 2018 im Draft noch nach oben getradet hatte. Unter Arians hatten die Cardinals über mehrere Jahre eine der gefährlichsten Offenses der Liga, mit dem Highlight in der 2015er Saison; was man letztes Jahr offensiv auf dem Feld gesehen hat, war mit das Schlechteste, was ich bisher an NFL-Offense-Football analysiert habe. Natürlich ist es radikal, nach nur einem Jahr die Reißleine zu ziehen und einen Head Coach mit seinem Trainerstab wieder zu entlassen. Man hat damit ein Jahr komplett verschenkt. Auf der anderen Seite bin ich davon überzeugt, dass Wilks' Ansatz gerade mit Blick auf die Offense nicht zeitgemäß ist und in den allermeisten Fällen auch nicht mehr funktioniert. Mit Kliff Kingsbury erhält jetzt gewissermaßen das krasse Gegenteil Einzug, und auch wenn es - gerade mit den vielen jungen Spielern, angefangen mit Kyler Murray - natürlich die berüchtigten Wachstumsschmerzen geben wird: Ich war seit einigen Jahren nicht mehr so gespannt vor einer Cardinals-Saison, und glaube, dass hier mittel- und langfristig etwas Tolles entstehen könnte.

49ers Germany: Bei den Cardinals ist nun mit Kliff Kingsbury ein neuer Head Coach am Werk, dem man beinahe schon eine Revolution in Sachen Air Raid Offense nachsagt. Am College bei Virginia Tech war er nicht sonderlich erfolgreich was die Records anging, aber die Zahlen, die seine Offense in den Jahren abgeliefert hat, waren beeindruckend. Von Kingsbury wird erwartet, dass er mit Kyler Murray als Quarterback ein Feuerwerk in der NFL abbrennt. Dies wird sicherlich auch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Kannst Du unseren Lesern die Air Raid Offense näherbringen? Im Endeffekt scheint es eine Weiterentwicklung der West Coast Offense zu sein, die aber vor allem auf einem Passlastigen Ansatz mit zahlreichen Receivern und oftmals einem Empty Backfield (Stichwort: Five Wide Offense) beruht.  

Adrian Franke: Es geht darum, den Ball zu werfen, auch und gerade bei Early Downs, es geht darum das Feld mit Spread Formations in die Breite zu ziehen und den Ball gut verteilen zu können und es geht darum, mit Route-Kombinationen schnell nach dem Snap zu gewinnen und im Idealfall das mit einem Quarterback zu kombinieren, der selbst auch improvisieren kann. Die Air Raid entstand in den 70er und 80er Jahren primär bei kleinen Schulen, die mit ihrem Spielermaterial nicht über das - damals allgemein dominierende - Run Game Spiele gewinnen konnten. Also suchten sie nach Alternativen, und vereinfacht gesagt fanden sie die im Passing Game. Aber man muss heute auch innerhalb der verschiedenen Air-Raid-Auslegungen unterscheiden. Mike Leach, vermutlich der heute bekannteste aktive Air-Raid-Coach, arbeitet bei Washington State mehr oder weniger aus einer Handvoll verschiedener Formationen und mit einer Handvoll verschiedener Plays. Kingsbury und auch Lincoln Riley in Oklahoma spielen eine deutlich weiterentwickelte Form der Air Raid, mit einer Vielzahl an Formationen und Personnel Packages, mit Gegner-spezifischen Game Plans und gerade Riley setzt auch deutlich stärker auf das Run Game als andere Air-Raid-Coaches.

Es gibt einige Basis-Konzepte - das Mesh-Konzept, 4 Verts, Y-Cross -, die alle Air-Raid-Offenses spielen, und die wir längst auch in der NFL (Saints, Chiefs, Patriots als einige Beispiele) sehen. Ansonsten aber ist die Air Raid mehr eine Philosophie, als ein Scheme oder eine Ansammlung von Plays.

49ers Germany: Vor kurzem hast Du in einer Podcast Ausgabe die San Francisco 49ers als Wunschfranchise bei der Fragestellung, welche Franchise würdest Du übernehmen und dort auch leben wollen, bezeichnet. Warum ist Deine Wahl auf „unsere“ Franchise gefallen?

Adrian Franke: Ich erinnere mich, das war in unserer Mailbag-Folge - wenn ich als potenzieller Teambesitzer auf die NFL schaue, wären die 49ers für mich die attraktivste Franchise, weil sie die große Historie haben, genau wie die ausgeprägte Fan-Base national und international; aber auch weil ich die Stadt sehr mag. San Francisco hat genau mein ideales Klima und wenn ich in einer Stadt das ganze Jahr über wohnen "müsste", dann wäre San Francisco sicher weit vorne mit dabei.

49ers Germany: In der Draftanalyse bist Du hart mit den 49ers ins Gericht gegangen. Mit den ersten beiden Picks von Defensive End Nick Bosa und Wide Receiver Deebo Samuel haben General Manager John Lynch und Head Coach Kyle Shanahan zwei große Needs bedient. Auch Jalen Hurd, ein weiteres Schweizer Taschenmesser für das Arsenal von Shanahan, fällt aus unserer Sicht in diese Kategorie. Allerdings wurde der Pick heftig kritisiert, noch mehr Kritik gab es nur für Punter Mitch Wishnowsky in der vierten Runde. Wie beurteilst Du den Draft der 49ers im Hinblick auf die Needs und die Schwächen der vergangenen Jahre?              

Adrian Franke: Bosa war ja so etwas wie der No-Brainer, nachdem die Cardinals Kyler Murray genommen hatten. San Francisco sucht seit Jahren Edge-Rusher, hier war der beste Edge-Rusher der Draft-Klasse auf dem Silbertablett verfügbar. Samuel hat mir auch gut gefallen, ich bin sehr auf das Wide Receiver Corps gespannt. Von Dante Pettis hört man viel Gutes, Samuel sehe ich persönlich als sofortigen Starter. Marquise Goodwin ist ein gefährlicher Receiver, Trent Taylor kann eine gute Waffe im Slot werden - da sind sehr viele junge Spieler, aber auch sehr viel Potenzial, das in Kyle Shanahans Offense denke ich gut funktionieren sollte.

Meine größte Kritik an der Offseason der 49ers, inklusive dem Draft, ist das Ignorieren der Secondary; Jason Verrett würde ich aufgrund seiner Verletzungshistorie mal vorsichtig ausklammern, ich denke nicht, dass man mit Verrett sicher planen sollte. Klar, der verbesserte Pass-Rush wird helfen; aber wenn die Secondary abgesehen von Richard Sherman nicht konstant covern kann, wird der Pass-Rush auch nicht reichen, um die Defense komplett zu reparieren. Ich hätte in der dritten und vierten Runde vermutlich eher versucht, etwas für die Secondary zu machen, nachdem es da in der Free Agency schon auffallend ruhig war.

49ers Germany: Die Defense der 49ers produzierte in der vergangenen Saison historisch schlechte Werte bei Turnovern und Interceptions. Das Team reagierte mit der Verpflichtung von Linebacker Kwon Alexander (Tampa Bay Buccaneers) und dem Trade für die Dee Ford (Kansas City Chiefs) sowie unseren Draftpick Nummer eins Nick Bosa. Die 49ers sollten mit Ford und Bosa sowie DeForest Buckner, der in den Ranglisten der besten Tackles der NFL viel zu weit hinten landet, Arik Armstead und Solomon Thomas eine sehr starke Front zusammen bekommen und endlich Pass Rush kreieren können. Ein Baustein hierfür ist sicher auch die Verpflichtung von Kris Kocurek als Defensive Line Coach, der immerhin acht Jahre bei den Detroit Lions starke Arbeit abgeliefert hat. Was sind Deine Erwartungen an die Defensive Line der Niners?   

Adrian Franke: Die Defensive Line hat alles Potenzial, um sich Richtung Top-10 zu orientieren. Nach jahrelanger Edge-Rusher-Suche hat man plötzlich zwei, Buckner wird dadurch endlich mehr Spielraum erhalten und Armstead hat sich letztes Jahr ja ebenfalls stabilisiert. Ich würde Thomas gerne noch häufiger innen sehen, neben Buckner. Da dürfte sein Potenzial deutlich besser zur Geltung kommen. Die Starting-4 aber liest sich sehr gut und sollte kein Vergleich zu dem sein, was Niners-Fans hier in den vergangenen Jahren zum Teil sehen mussten.

49ers Germany: Viele Fans als auch Medienvertreter hatten erwartet, dass die 49ers entweder in der Free Agency oder im Draft das Defensive Backfield verstärken und immer wieder viel der Name Earl Thomas, den es letztlich nach Baltimore gezogen hat. Siehst Du auch in der Secondary die Achillesferse vom Team? Sicherer Starter scheint einzig Cornerback Richard Sherman zu sein. Auf der anderen Seite machte in den OTAs und im Mini Camp machte Ahkello Witherspoon eine sehr gute Figur, sah aber in der Saison 2018 nicht gut aus. Problematisch erscheint auch die Safety Besetzung mit Jimmie Ward und Jaquiski Tartt, bei denen sicherlich viel Talent und Potential vorhanden ist, beide es aber aufgrund von zahlreichen Verletzungen nichts aufs Feld bringen. Würdest Du dich als Exekutive bei den Niners um einen Free Agent wie Tre Bosten oder Eric Berry bemühen? Falls ja, warum? 

Adrian Franke: Ja, das knüpft natürlich an den Draft an. Gerade ein Spieler wie Tre Boston, der auch schematisch ideal in das passen würde, was die 49ers spielen wollen - gewissermaßen ein "Earl Thomas Light" - sollte für San Francisco eine vermeintliche No-Brainer-Verpflichtung sein; allzu teuer dürfte Boston Ende Juni auch nicht werden. Ich sehe schon die Gefahr, dass die 49ers Probleme haben werden, in Coverage standzuhalten; trotz des verbesserten Pass-Rushs. Ganz simpel gesagt: Man verlässt sich darauf, dass Spieler wie Witherspoon jetzt den nächsten Schritt machen, den man eigentlich letztes Jahr schon erwartet hatte. Darauf gibt es aber natürlich keinerlei Garantie, und wenn wir die letzte Saison als Grundlage nehmen, ist es eine 50:50-Sache.

49ers Germany: Das Team musste in der vergangenen Saison durch unglaubliches Verletzungspech auf wichtigen Positionen (Quarterback Jimmy Garoppolo und Running Back Jerick McKinnon mit Kreuzbandriss, Running Back Matt Breida mit Knöchelverletzungen in der kompletten Saison, Wide Receiver Pierre Garcon mit Knie- und Nackenproblemen sowie Wide Receiver Marquise Goodwin mit Muskelverletzungen und familiären Schwierigkeiten) oftmals mit Backups wie C.J. Beathard, Nick Mullens, Alfred Morris und Kendrick Bourne aufs Feld. Trotzdem schaffte es Kyle Shanahan die Offense ans Laufen zu bringen. Zu was sind die 49ers mit einem der besten Backfields in der NFL, einer ordentlichen bis guten Offensive Line (Rookie Tackle Mike McGlinchey hat uns sehr gut gefallen), Lichtblick George Kittle und einem Jimmy Garoppolo under Center in der Saison 2019 in der Lage? 

Adrian Franke: Ich will es mal so sagen: Für diese Offense gibt es eigentlich keine Ausreden. Ich bin ein großer Fan der Shanahan-Offense, ich glaube, dass Kittle der beste Tight End der Liga werden kann, die Offensive Line ist solide und das Waffenarsenal, ob Wide Receiver oder Running Back, ist tief und talentiert. Letztlich hängt es an Jimmy Garoppolo: Die zweieinhalb Spiele letztes Jahr bis zu seiner Verletzung sind natürlich eine sehr kleine Sample Size, da war aber noch einiges an Sand im Getriebe. Grundsätzlich sehe ich Garoppolo als einen vielversprechenden Quarterback, der vor allem mit seinem schnellen Release und seinen Qualitäten als Passer "on the Run" super in Shanahans Offense passt. Das muss er jetzt eben auch aufs Feld bringen.

49ers Germany: Bei vielen Teams sieht man oftmals “11-Personnel” (ein Running Back, ein Tight End, drei Receiver) auf dem Feld. Von Kingsbury erwartet man sogar vier Wide Receiver oder fünf als Receiver aufgestellte Spieler (“10 Personnel” oder “00 Personnel”). Dagegen bringt Kyle Shanahan viele “21-Personnel” Formationen mit zwei Running Backs, einem Tight End und zwei Wide Receivern aufs Feld, womöglich wird sich dieser Trend bei den 49ers nun mit Tevin Coleman, Jerick McKinnon, Matt Breida und Kyle Juszcyk noch vergrößern. Bei den Patriots dürfte dieses ähnlich aussehen. Damit sind diese Teams ein Gegenentwurf fast zur Hälfte der Liga. Was erwartest Du taktisch bzw. Schemetechnisch in der Offense der 49ers? 

Adrian Franke: Shanahan ist der beste Play-Designer der Liga aktuell, wenn es darum geht, aus 21-Personnel Missmatches zu kreieren. Das Outside Zone Run Game und das Bootleg Play Action Game sind bei ihm unheimlich eng miteinander verknüpft, gerade Kittle ist darin als Receiver eine enorme Gefahr. 21-Personnel hat vor allem einen Effekt: Es bringt Defenses in ihr Base-Personnel. Defenses in der NFL spielen heute primär im Sub-Package, vor allem mit fünf (statt vier) Defensive Backs. Wenn eine Offense mit einem Running Back, einem Fullback und einem Tight End aufs Feld kommt, wird diese Offense deutlich häufiger vier Defensive Backs und dafür einen Linebacker mehr auf dem Feld sehen. Defenses werden ausrechenbarer und sie werden verwundbarer für das eigene Passing Game. Die Patriots haben so im Endeffekt den Super Bowl gewonnen, weil es ihnen gegen die Rams gelang, den einzigen wirklich erfolgreichen Drive des Spiels hinzulegen, indem man aus 22-Personnel heraus die Base-Defense der Rams attackieren konnte.

49ers Germany: In der NFC West sind nun drei junge und offensiv ausgerichtete Head Coaches sowie Urgestein Pete Carroll am Werk. Wenn Du ein Ranking der Offensiv minded Head Coaches erstellst, wie sieht die Reihenfolge aus? Nehmen Sean McVay, Kyle Shanahan und wömoglich schon Kingsbury die ersten Plätze ein? Welche Coaches stellen für Dich die besten Schemes und Gameplans auf, um den Gegner zu attackieren?    

Adrian Franke: Puh, das ist sehr schwer. Kingsbury muss man da eigentlich noch fast raushalten, weil wir ihn noch nie in der NFL gesehen haben. Was er im College gezeigt hat war spektakulär und ich bin auch sehr optimistisch, was seine Offense in der NFL angeht. Aber natürlich muss er sich erst einmal in der NFL beweisen. Ansonsten: McVay und Shanahan gehören in puncto offensive Play-Designs und Play-Calling für mich ohne Zweifel in die Top-6, zusammen mit Bruce Arians, Josh McDaniels, Sean Payton und Andy Reid, dessen Coaching Tree mit Matt Nagy und Doug Pederson zwei weitere sehr gute Offensiv-Coaches über die letzten Jahre hervorgebracht hat.

49ers Germany: Welches Team wird sich aus Deiner Sicht am Ende der Saison aus der NFC West in den Playoffs wiederfinden? Können die Rams erneut die Divisison dominieren und kannst Du dem Niner Empire Hoffnungen machen? Siehst Du ein Team aus der NFC West im Super Bowl?

Adrian Franke: Ich sehe die Rams zumindest als den (relativ) klaren Favoriten auf den Division-Titel und wenn "nur" ein Team aus der Division in die Playoffs kommt, dann tippe ich auf L.A. Dahinter sehe ich es sehr, sehr eng. Arizona ist noch am stärksten im Umbruch, da tippe ich auf etwa sechs Siege. San Francisco und Seattle sind für mich aber beide Kandidaten, um am Ende zwischen sieben und zehn Siegen zu landen - Letzteres würde natürlich zumindest Playoff-Chancen mitbringen. Für Super-Bowl-Tipps ist es noch sehr früh, Stand heute tippe ich aber eher darauf, dass 2019 kein NFC-West-Team in den Super Bowl einzieht.

49ers Germany: Zum Abschluss noch ein Blick auf ein Thema, welches derzeit noch nicht ganz heiß diskutiert wird, aber uns in nicht allzu ferner Zukunft beschäftigen könnte. Der aktuelle Vertrag zwischen der NFL und der Spielergewerkschaft NFLPA läuft 2021 aus und die Spielergewerkschaft hat die Spieler bereits dazu aufgefordert, Geld für einen möglichen Hold Out Beiseite zu legen. Wie realistisch siehst Du die Möglichkeit eines Hold Outs? Es machen auch Gerüchte die Runde, dass man von NFL Seite her mehr Regular Season Games ausrichten möchte, dafür vielleicht zwei Preseason Begegnungen pro Team wegfallen und man so die Saison bis Mitte Februar verlängert. Was hast Du bis jetzt von dem Thema gehört und wie sind Deine Erwartungen für die Zukunft?

Adrian Franke: Ich hoffe natürlich, dass es zu keinem Streik kommt. Als Fan des Sports und der NFL fände ich das wahnsinnig schade, aber ausschließen kann man es sicher nicht. Für den Moment bleibe ich noch optimistisch, dass beide Seiten eine Lösung bis nach der 2020er Saison finden. Das Gerücht mit dem Wunsch nach mehr Spielen könnte durchaus auch eine Taktik sein, um zunächst einmal hoch zu pokern und dann der NFLPA "entgegenkommen" zu können, wenn man so will. Sollte es wirklich dazu kommen, wird die NFLPA dem nur zustimmen, wenn die Kader vergrößert werden, vielleicht zusätzlich noch mit einer zweiten Bye-Week on Top. Generell muss man sagen, dass die NFL-Spieler im Vergleich zur NBA und zur MLB signifikant weniger Macht und Einfluss haben und deutlich weniger finanzielle Garantien bekommen, obwohl sie den viel gefährlicheren Sport ausüben und obwohl die NFL die anderen beiden Ligen was Einnahmen und Marke angeht um Welten in den Schatten stellt. Das muss sich ändern, und ich glaube, das wird sich auch ändern.

49ers Germany: Vielen lieben Dank, dass Du dich unseren zahlreichen Fragen gestellt und diese so wunderbar beantwortet hast. Wir wünschen Dir weiterhin viel Erfolg mit „Down, Set, Talk“ und sind gespannt, wie es dort weitergeht. Nicht minder gespannt sind wir auf Deine neues Buch, welches sicherlich in einigen unserer Bücherregale landen wird! 

Mehr Informationen über die Adrian Frank und „Down Set Talk“ findet Ihr hier:

Hier findet ihr die dreizehn vorherigen Ausgaben von „Beyond the Horizon“:

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